Von Ritterreisen, einem Schelmenroman und romantischen Dystopien: Eine Veranstaltungsreihe zu „Romantik & Gegenwart“ mit Felicitas Hoppe, Hendrik Otremba, Ingo Schulze und Andreas Spechtl (20./21.11.2017)

Seit nunmehr zwei Jahren widmet sich das Graduiertenkolleg „Modell Romantik“ der historischen Romantik um 1800 und ihren Nachwirkungen bis in die Gegenwart hinein. Um aktuelle Entwicklungen und Tendenzen einer gegenwärtigen ‚Romantik‘ zu erörtern und der Frage nachzuspüren, welche Bedeutung der Romantik in der Gegenwartskultur zukommt, traten am 20. und 21. November 2017 die beteiligten Wissenschaftler*innen und vier Gegenwartskünstler*innen in einen Dialog.

Den Auftakt bildete am Montagabend Hendrik Otremba mit seinem Debütroman Über uns der Schaum (2017), den er im Jenaer Trafo vorstellte. Durch die musikalische Begleitung von Andreas Spechtl,  Musiker und Songwriter der Gruppe „Ja, Panik“, wurde die Lesung zu einer Sound-Performance: Spechtls elektronische Landschaften untermalten Otrembas Sätze oder kontrastierten sie wieder an anderer Stelle. Im eindrücklichen Finale zog Spechtl spontan den raumeigenen Flügel hinzu, sodass Text und Sound eine eng verwobene Mischung aus Harmonie und Dystopie eingingen. Rege diskutiert wurde im Anschluss an die Veranstaltung im informellen Kreis, ob Textauszüge und Musik nun etwas mit einer modellhaft gedachten Romantik zu tun haben könnten – oder auch nicht.

Der zweite Veranstaltungstag begann mit einem Workshop im Senatssaal der Friedrich-Schiller-Universität Jena, in dem die Frage nach dem ‚Romantischen‘ in der Gegenwartskultur aufgenommen und vertieft wurde. Zunächst erläuterte Prof. Dirk von Petersdorff die Grundidee eines modellhaften Verständnisses von ‚Romantik‘ und schlug dann vor, wie dieses ‚Modell Romantik‘ in Bezug auf die Gegenwartskultur aussehen könnte. Seine Ausführungen belegte er anhand von Beispielen aus der Pop-Musik der Gegenwart: Er verwies u. a. auf die Texte der Band „Tocotronic“ („Im Zweifel für den Zweifel“) und die Songs von Bob Dylan, in denen sich romantische Textverfahren, z.B. Formen von romantischer Ironie, erkennen lassen.

Aufbauend auf diesem Impuls widmete sich der Workshop den beiden Autor*innen Felicitas Hoppe und Ingo Schulze, die sich einigen Thesen über das Romantische in ihren Werken persönlich stellten. Annika Bartsch lieferte einen Impulsvortrag zu Felicitas Hoppe und Daniel Grummt verlas einen soziologischen Zugang zum Werk von Ingo Schulze. Daniel Grummt griff dabei den neuen Roman Peter Holtz (2017) auf und interpretierte die literarische Hauptfigur als Typus eines „romantischen Widerstandskämpfers“. Anschließend arbeitete Annika Bartsch transzendentalpoetische Momente in Hoppes Paradiese, Übersee (2003) heraus sowie den Bezug auf das von Novalis formulierte Motiv der Heimkehr. Hierin ließe sich in Hoppes Werk, so wurde diskutiert, eine mögliche Aktualisierung von Romantik im 21. Jahrhundert fassen.

Den Abschluss der Veranstaltungsreihe bildete ein Lesungsgespräch mit Felicitas Hoppe und Ingo Schulze im Foyer des Historischen Rathauses Jena, welches von Sandra Kerschbaumer und Raphael Stübe moderiert wurde. Nachdem schon im Workshop über Hoppes Paradiese, Übersee und ihre Faszination an mittelalterlichen Ritterromanen diskutiert wurde, trug Felicitas Hoppe an diesem Abend eine Rittererzählung aus ihrem Debüt Picknick der Friseure (1996) sowie eine humorvolle Liebesepisode aus dem autofiktionalen Roman Hoppe (2012) vor. Ingo Schulze las aus seinem aktuellen Schelmenroman Peter Holtz.

Allerdings standen bei Hoppe und Schulze nicht nur ihre eigenen Texte im Mittelpunkt. Nachdem bereits im gemeinsamen Gespräch auf der Bühne die Rolle des Märchens sowie die romantische Ironie diskutiert wurden, präsentierten Hoppe und Schulze auch ironische Texte und Märchen verschiedener Romantiker: Schulze rezitierte aus E.T.A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr, Hoppe hingegen las eine kurze Prosaerzählung von Heinrich Heine und ein Märchen von Hans Christian Andersen über den „Schlafgott“.

Wie romantisch unsere Gegenwart  ist, konnte im Rahmen der Veranstaltungsreihe nicht abschließend geklärt werden. Die Diskussionen ergaben, dass eine produktive Rezeption nur in wenigen Fällen über eine direkte Bezugnahme auf romantische Texte aus dem 19. Jahrhundert erfolgt. Vielmehr zeigen sich ähnliche Formen, die aus der Romantik in der Kultur der Gegenwart wiederkehren, und vor allem eine ähnliche Fragestellung, ein gemeinsames Problembewusstsein, welches die Romantiker*innen am Anfang der Moderne mit Autor*innen am Anfang des 21. Jahrhunderts verbindet.

 

verfasst von Annika Bartsch, Daniel Grummt, Raphael Stübe und Mareike Timm

Fotos: Peter Blank und Johannes Hellrich