Einblicke in die aktuelle AustLit Forschung. Kollegiatin Ruth Barratt-Peacock bei der AAALS Tagung in New York (5.-7. April 2018)

Angefangen mit einer Lesung vom australisch-indigenen Dichter und Forscher Peter Minter blieb die koloniale Geschichte Australiens bei der Tagung stets im Blick. Eine formale Anerkennung der Erstbesitzer Australiens wurde in Solidarität mit den indigenen Völkern des Landes, in dem die Tagung stattfand, von Minter eingeleitet. Diese Lesung und die darauf folgenden Gespräche spiegelten die Verschränkung von Wissenschaft und Kunst wider, welche sich als Merkmal der australischen Literatur im Laufe der Tagung herausstellte. Abgeschlossen mit einer weiteren Lesung war ein romantischer Zug der Tagung damit durchaus zu erkennen.

Als Romantikforscherin in diesem postkolonialen Kontext habe ich in meinem Vortrag ,,David Malouf’s Poetry and Romantic Irony in the German Tradition” versucht, Romantik mit den Kontingenzerfahrungen der postkolonialen Identitätsbildung in Australien produktiv zusammenzubringen.

Neben einigen interessanten Nischenthemen, wie etwa einer Studie zum Thema Gender Bias in Science Fiction Lyrik (Bronwyn Lovell) oder einer Untersuchung von Gefängnis-Graffiti als transgressive Lyrik (Adelle Sefton-Rowston), standen hauptsächlich die großen Themen der Literaturforschung aus den letzten Jahren auf dem Programm: Raumtheorie, das Anthropozän und der Postkolonialismus. Zum Beispiel untersuchte Amy Mead die weibliche Erfahrung des urbanen Raums auf den Straßen von Melbourne. Hierbei kamen die politischen Implikationen in der Änderung öffentlicher Raumerfahrungen verursacht durch private Großbauprojekte zur Sprache.

Das Anthropozän wurde von dem chinesischen Professor Guanglin Wang diskutiert. Insbesondere hinterließ die Rede von Brigitta Olubas über Literatur Asylsuchender aus den von der Australischen Regierung als Lager genutzten Manus Island einen bleibenden Eindruck. Besonders mit Blick auf die Asylkrise wurde die Sinnhaftigkeit der Arbeit von Literaturwissenschaftlern verschärft zur Debatte gestellt, ebenso die Aufspaltung des  Wissenschaftlers in einen politischen Bürger und einen unabhängiger Wissenserzeuger. Es wurde bemerkt, dass wir als Wissenschaftler aber nicht nur Beobachter, sondern Zeuge dieser Literatur und der dort beschriebene Erfahrungen sind.

Der Debatte zufolge ist das Lesen eine Pflicht, welche mit Blick auf die Erfahrungen der ohne Prozess inhaftierten Menschen auf Manus, den Klimawandel und die anhaltenden Auswirkungen der Kolonialisierung auf Australiens indigene Völker fast einer Akt der menschlichen Solidarität geworden ist. Dennoch bleibt die Frage: Reicht das?

verfasst von Ruth Barratt-Peacock