„Aufbruch ins romantische Universum“: Über August Wilhelm Schlegel, das Sympoetisieren und das Symkuratieren

Ein Ausstellungsbericht

Eine Ausstellung im Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum beleuchtet anlässlich seines 250. Geburtstages das Leben und Wirken August Wilhelm Schlegels. Allzu oft stand er in der wissenschaftlichen Diskussion wie im kollektiven Gedächtnis im Schatten seines jüngeren Bruders Friedrich. Vom 6. September bis zum 12. November 2017 widmet sich nun die Ausstellung „Aufbruch ins romantische Universum: August Wilhelm Schlegel“, die von Claudia Bamberg und Cornelia Ilbrig kuratiert wird, seinem vielseitigen und umfangreichen Schaffen. Gliederungsprinzip der Ausstellung sind die Aufenthalts- und Wirkungsorte Schlegels (Göttingen-Hannover, Jena-Berlin, Coppet, Wien, Stockholm, Bonn), die jeweils – mit einer passenden historischen Farbe versehen – eine Station bilden. Neben der chronotopischen Farbstruktur sind für die von Petra Eichler und Susanne Kessler (Sounds of Silence) verantwortete Ausstellungsgestaltung insbesondere durchlässige Stellwände aus Holz auffällig. Diese verweisen auf Wald- und Naturräume als romantische Sehnsuchtsorte und betonen außerdem die für die Romantik charakteristische Offenheit und Unvollendetheit.

© Florian Kind (Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum)

 

An den Wänden werden Bilder präsentiert und in den Vitrinen liegen die Originalhandschriften und Erstausgaben. Aber die Ausstellung bereitet darüber hinaus auch Kommunikationswege sowie Theorie und Inhalte der Jenaer Frühromantik medial auf: Eine interaktive Medieninstallation veranschaulicht gleich zu Beginn etwa das umfassende Briefnetzwerk August Wilhelm Schlegels und lädt zum selber Stöbern und Nachforschen ein. In Zusammenarbeit mit dem Marburger DFG-Projekt „Digitale Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels“ hat das Trier Center for Digital Humanities unter der Leitung von Thomas Burch dazu die Korrespondenz mit den 700 Briefpartner/innen in einer repräsentativen Auswahl visualisiert. Mit seinen Briefen passierte August Wilhelm Schlegel Grenzen, aber auch mit seiner Tätigkeit als Hauslehrer in Amsterdam, seinem Aufenthalt bei Madame de Staël in Coppet, seinen Wiener Vorlesungen, seiner Funktion als Redenschreiber gegen Napoleon für den Prinzen Bernadotte am schwedischen Königshof und der Begründung der Indologie in Deutschland, lebte August Wilhelm Schlegel – ganz im Sinne der Universalpoesie – diese frühromantische Forderung nach Überwindung von Grenzen. Komplementär zu der Visualisierung des Briefnetzwerkes am Anfang bildet ein Regal mit bunten Postkarten zu zentralen Begriffen der historischen Romantik den Abschluss der Ausstellung. Es fordert den/die Besucher/in dazu auf, wie August Wilhelm Schlegel damals, Post in die Welt zu verschicken und für die romantische Idee (oder zumindest für die Ausstellung) zu werben.

© Mareike Timm

 

Die Form der aktiven Teilnahme durch den/die Besucher/in ist programmatisch für die gesamte Ausstellung: So wird er/sie animiert, die Spiegelschrift der Karikatur Versuch auf den Parnass zu gelangen mittels eines Handspiegels zu entziffern oder mithilfe von Lupen Schlegels Typen für den Sanskritdruck oder eine indische Miniaturhandschrift aus seinem Nachlass zu studieren. Beim „Sym-Scrabbeln“ können sich die Besucher/innen außerdem gemeinsam Begriffe ausdenken und so gemeinsam sprachlich tätig sein – ganz wie August Wilhelm Schlegel mit seinen Freund/innen aus der Jenaer Wohngemeinschaft.

© Mareike Timm

 

Von diesen Stunden des Sympoetisierens und Symphilosophierens der Jenaer Frühromantiker/innen geben in der Ausstellung verschiedene Exponate Zeugnis: In ihrer Zeitschrift Athenaeum gaben die beiden Brüder zwischen 1798 und 1800 eigene und fremde Texte heraus und machten auf diese Weise die zentralen Ideen der Jenaer Frühromantik einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Ein gemeinsamer Brief Carolines, Friedrichs und August Wilhelms an den Freund Friedrich von Hardenberg vom 1. Juli 1798 thematisiert das gemeinsame Dichten und ist auch formal – ganz im Sinne der Sympoesie – ein Produkt kollektiver Verfassertätigkeit.  Ferner belegt eine Abschrift Carolines von der Shakespeare-Übersetzung ihres Mannes, in der August Wilhelm eigenhändig Korrekturen eintrug, die enge Zusammenarbeit der beiden.

© Mareike Timm 

Ein Werkstattbericht

Vor rund 200 Jahren lebte August Wilhelm zusammen mit seiner Frau Caroline, seinem Bruder Friedrich sowie dessen Frau Dorothea in Jena. Friedrich von Hardenberg, Ludwig Tieck, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Wolfgang von Goethe – um nur einige zu nennen – waren in dem Haus in der Leutragasse 5 zu Gast. Diese sog. ‚Jenaer Wohngemeinschaft‘ und ihren Umkreis nimmt eine zweite Medieninstallation genauer in den Blick: Zusammen mit zehn Studierenden der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt und drei Mitarbeiterinnen des Hochstifts war ich im Rahmen eines Praktikums hieran beteiligt und habe einen Konzeptfilm für den sog. ‚Guckkasten‘ gestaltet. Die kurzen Videos sollen dem/der Besucher/in einen Einblick in das gemeinsame Leben und Arbeiten der Jenaer Frühromantiker/innen gewähren.

© Mareike Timm

 

Indem wir unter der Leitung von Georgios Kontos (Werkbundakademie Darmstadt) erste Skizzen anfertigten, Tonaufnahmen erstellten und verschiedene Filmtechniken erprobten, näherten wir uns der filmischen Arbeit und somit der späteren Umsetzung unserer Themenideen an. So entstanden insgesamt zehn Kurzfilme, die sich unterschiedlichster Verfahren bedienen und dergestalt nicht nur inhaltlich, sondern auch formalästhetisch die Vielfältigkeit des Gegenstandes abzubilden versuchen. Dabei nehmen sich die Videoprojekte dem sog. ‚Jenaer Romantikertreffen‘ im November 1799 sowie wichtiger Werke der Jenaer Frühromantiker/innen an – so etwa August Wilhelm Schlegels Satire Ehrenpforte und Triumphbogen, dem Gedicht „Der Bund der Kirche mit den Künsten“ oder seinen bis heute mustergültigen Shakespeare-Übersetzungen. Zudem beschäftigen sich die Filme mit Caroline und August Wilhelm Schlegels Gespräch „Die Gemählde“Novalis’ „Hymnen an die Nacht“ und Friedrich Schlegels Skandalroman Lucinde, der mit dem Exklusivitätspostulat monogamer Ehe und deren Erhöhung zur Seelenpartnerschaft das romantische Liebesideal begründete. Mit ‚Sympoesie‘ und ‚Fragment‘ werden darüber hinaus zentrale Elemente der frühromantischen Programmatik aufgegriffen. In Form einer facebook-Aktualisierung werden Streit und Intrigen der Jenaer Wohngemeinschaft thematisiert und zugleich in die Gegenwart sozialer Netzwerke übertragen. Zuletzt spürt ein Film auch der Bedeutung von Romantik in der Gegenwart und über Grenzen hinweg weltweit nach.

© Mareike Timm (Freies Deutsches Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum)

 

Jeder Film erwies sich als ein Gemeinschaftsprodukt, denn nachdem alle ihr Drehbuch geschrieben hatten, wurde jedes einzelne Projekt zu einer wahren Teamarbeit: Entweder wurden für die Umsetzung Schauspieler/innen, Interviewpartner/innen und Sprecher/innen für die Tonaufnahme gebraucht oder es wurde technische Hilfe bei Schnitt und Bildbearbeitung benötigt – jeder einzelne Film handelt also nicht nur von der Arbeit in der Jenaer Wohngemeinschaft, sondern stellt gleichfalls selbst ein sympoetisches Projekt dar. Zwar entsteht jede Ausstellung in Abstimmung von Wissenschaftler/innen, Leihgeber/innen, Museograph/innen, Handwerker/innen und Haustechniker/innen, doch zeichnet sich die August Wilhelm Schlegel- Ausstellung – mit den beiden großen Medieninstallationen, unzähligen Beteiligten und den vielen Kooperationspartnern – durch eine ganz eigene Art des Symkuratierens aus.

Die Ausstellung ist im Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum noch bis zum 12. November 2017 zu sehen und wird anschließend auch im Stadtmuseum Bonn (29. November 2017 bis 08. April 2018), in der Universitätsbibliothek Marburg (Mai 2018) und im Romantikerhaus Jena (18. Juni bis 21. Oktober 2018) gezeigt.

Weiterführende Informationen zur Ausstellung:

http://www.goethehaus-frankfurt.de/ausstellungen_veranstaltungen/ausstellungen/wechselausstellung/aufbruch-ins-romantische-universum-august-wilhelm-schlegel/

https://de-de.facebook.com/goethehausfrankfurt/

Link zu den Ausstellungsfilmen der Jenaer Wohngemeinschaft:

https://vimeo.com/jenaerwg

Weiterführende Informationen zum Ausstellungskatalog:

Claudia Bamberg/Cornelia Ilbrig (Hg.): August Wilhelm Schlegel. Aufbruch ins romantische Universum, 2017, Göttinger Verlag der Kunst, 236 Seiten, 19,90 €, ISBN: 978-3-945869-05-5

http://www.gvdkunst.de/buecher/schlegel_aufbruch.html

 

verfasst von Mareike Timm