Am Walden Pond. Auf den Spuren von Henry David Thoreau. Eine Broschüre

Was braucht man für ein gutes Leben? Wie viel Geld, wie viel Kleidung, wie viel Nahrung, wie viel Ackerbau, wie viel Zivilisation und wie viel Wildnis, wie viel geistigen Input, wie viel Gesellschaft und wie viel Rückzug – all diese Fragen stellte sich vor mehr als 150 Jahren der amerikanische Romantiker Henry David Thoreau. Mit seinem berühmten Buch „Walden; or, Life in the Woods“ wurde er zum Propheten eines einfachen und entschleunigten Lebens. Seine Fragen sind aktueller denn je – Grund genug für uns, sich auf seine Spuren zu begeben. (Klappentext)

Die Broschüre Am Walden Pond. Auf den Spuren von Henry David Thoreau, zu dessen Lektüre dieser Klappentext verlocken möchte, war Teil und ist Nachhall der Spring School Henry David Thoreaus Walden: Ort, Werk, Wirkung, die im Frühjahr 2017 in Concord, Massachusetts, stattfand und an der auch zwei Promovierende des Graduiertenkollegs „Modell ‚Romantik‘“ teilnahmen. Caroline Rosenthal, Professorin für Amerikanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, und Peter Braun, Leiter des SchreibZentrums derselben Universität, hatten eine Spring School zusammen mit dem Walden Woods Project erarbeitet, die verschiedene Ebenen vereinen sollte: Intensive Lektüre, eigene kreative Schreibarbeit, Naturerfahrung und ein kulturelles Programm an diesem für die amerikanische Geschichte so bedeutsamen Ort. Thoreau sollte nicht nur als Text, sondern auch als Ort, Zeitgenosse, Wanderer, Vermesser und praktisch lebender Mensch kennengelernt werden.  Unweigerlich wurde dabei sein Leben auf das eigene bezogen, wurden seine Positionen anhand der Gegenwart diskutiert. So wurde eine Woche mit intensiven Gesprächen nicht nur über Thoreau, sondern auch mit Thoreau verbracht.

Thoreaus Schwebestatus

Henry David Thoreau ist Autor weltbekannter Texte wie Walden oder Civil Disobedience. Daneben war der 1817 in Concord, MA, geborene Thoreau Lebenskünstler, Prophet eines einfachen Lebens, Lehrer und Landvermesser. Beides, Werk und Leben, sind bei ihm nicht voneinander zu trennen – und trotzdem sind sie nicht identisch. Thoreau lebte mindestens in zwei Modi: sowohl in praktischer Tätigkeit und in ekstatischer Kontemplation versunken, als auch in einer diese reflektierenden, deutenden und verallgemeinernde Schreibtätigkeit. Walden etwa ist nicht reine Fiktion – Thoreau lebte tatsächlich in einer Hütte am Walden Pond nahe Concords –, aber es bleibt immer unklar, was nun wirklich geschehen ist, was Übersteigerung oder was eben doch Fiktion ist. Vielleicht ist diese Differenz auch gar nicht relevant und vielleicht sollte es das auch nicht sein, aber man kommt nicht drum herum: Bei dem Namen „Thoreau“ verschwimmt Text und Leben, schwebt der*die Lesende zwischen Poetik und Ratgeber. Vielleicht erklärt auch dieser Status des Schwebens, dass er für die einen Vorbild für ein gutes Leben ist – so dient(e) er der Friedensbewegung und Ökologie, dem simplify your life und mindfulness movement als Vorbild –, und für die anderen hingegen einen genialen Schriftsteller der amerikanischen Romantik darstellt. (Es mag auch erklären, warum manch andere ihn hassen: Zu preachy, zu radikal, zu wenig Deckung zwischen Wort und Tat.) Für die meisten ist „Thoreau“ beides: sowohl Literat als auch ethisch erhabene Instanz, sowohl Lesevergnügen als auch Anleitung fürs eigene Leben. – Und dieser Zwischenstatus erklärt auch das Format der Spring School, also der Versuch, nicht nur den literarischen Inhalt als Gegenstand des Lesens und Denkens zu betrachten, sondern auch seine praktischen Methoden der Naturerfahrung und Reflexion als Lebensweise zu erproben.

Die Entstehung der Broschüre

Schon vor der Reise bestand das Vorhaben, die Ergebnisse der schreibintensiven Reflexionsphasen in einer Broschüre festzuhalten. Dazu wurden drei Arbeitsgruppen gebildet, die jeweils von den Provomierenden geleitet wurden. Nach der Reise entstand somit die Möglichkeit, die Texte erneut zu überarbeiten und damit die Erfahrungen textlich zu verdauen, zu reflektieren und Aspekte zu vertiefen.

Die Broschüre besteht ausgehend von den drei Arbeitsgruppen aus drei Teilen. Teils I beinhaltet Eindrücke und Reflexionen, die meist direkt am Walden Pond entstanden sind; im zweiten Teil sind zwei Interviews mit Locals zu finden, die Teile des Nachlasses Thoreaus und der Transzendentalisten verwalten; und die Texte in Teil III fragen nach der Aktualisierung Thoreaus in der Gegenwart. Während im dritten Teil häufiger ein kritischerer Ton gegenüber der Erinnerungskultur am Ort und von Thoreau herauszulesen ist, sind die Beiträge im ersten Teil eher von spontanen und gelegentlich auch ekstatischen Eindrücken geprägt.

Die Gestaltung der Broschüre entwickelte sich aus der Idee heraus, eine Seite lediglich mit dem bekannten Zitat Thoreaus „Simplicity, Simplicity, Simplicity“ zu gestalten. Davon ausgehend entstand ein erster Entwurf, der so schlicht und einfach, aber auch so elegant wie möglich sein sollte. Diese Musterseite wurde individuell und sorgfältig für jede Seite angepasst. Dabei standen die Layouter natürlich vor dem Widerspruch, die potentielle Monotonie und Langeweile der Einfachheit mit bewussten Variationen interessant zu machen. Zum Glück konnte dabei auf zahlreiche Farbfotos, analoge Schwarzweißfotografie sowie Zeichnungen zurückgegriffen werden, die am Walden Pond entstanden waren.

Die hier angedeutete Ironie, dass Einfachheit ziemlich viel Zeit braucht – und somit ganz und gar nicht viel Zeit für ausgedehnte Spaziergänge verbleibt (schon gar nicht 4-stündige Wanderungen, wie sie Thoreau täglich zu unternehmen pflegte) – setzt sich in der gedruckten Broschüre fort: Das Sonderformat A4-Qartz auf hochwertigem Papier sollte aus den Standardformaten hervorstechen. Denn auch sosehr man mit Thoreau sympathisieren mag: Ein „Simplicity, Simplicity, Simplicity“ sieht auf matten Farbpapier mit 130 Gramm im A4quatz-Format doch um einiges besser aus.

verfasst von Jacob Schmidt

Einblicke in die Broschüre

In der Einleitung finden sich ein guter Überblick über das Leben und Werk von Henry David Thoreau sowie eine Beschreibung von Idee und Umsetzung der Spring School.

 

 

In Teil I der Broschüre sind Eindrücke zu finden, die direkt am Walden Pond entstanden sind. Hier ein Gedicht von Amanda Halter.

Zwischendurch kommt Thoreau selbst zu Wort. Etwa seine Beschreibung über die Bahnlinie nach Concord, die nahe an seiner Hütte am Walden Pond vorbeilief und heute noch läuft.

 

 

In Teil II sind Interviews, etwa das Interview mit Jeff Cramer, Kurator des Nachlasse am Thoreau Institute at Walden Woods.

 

 

Im letzten Teil III sind Reflexionen zur Aktualität Thoreaus zu lesen. Kristin Haberer schreibt etwa über den Schreibtisch Thoreaus im Concord Museum.

 

Wenn Sie Interesse an einer Broschüre haben, melden Sie sich bei Christin.veltjens@uni-jena.de.