Alltag anders T. 9

Unter dem Titel „Alltag anders“ versammeln wir Selfies und Statements von Kollegmitgliedern, die sich mit den Fragen beschäftigen: Was machen Sie derzeit, was Sie sonst nicht tun? Hat sich Ihre Wahrnehmung durch die gegenwärtige Situation verändert? Worüber denken Sie plötzlich nach? Was wünschen Sie sich für morgen, in einem Monat, in einem Jahr?

 


„Alltag anders“ bei Tilman Reitz


I  m    W  a  l  d  e

Adorno schreibt irgendwo – ich hatte an die Negative Dialektik gedacht, aber dieses wenig ertragreiche Buch bleibt auch nach langer Pause hinter den Erwartungen zurück –, dass das größte Glück moderner Subjekte eine seltsame Zeitstruktur hat: die Erinnerung an frühere, inzwischen enttäuschte Hoffnungen. Um dadurch angeregt Erfahrungen der Lockdown-Zeit zu schildern, hätte ich auch die im Kontext vermutlich geäußerte Gesellschaftskritik brauchen können. Bei konkreten Versuchen zeigen sich nämlich rasch Fallstricke. Der offene Horizont terminfreier Zeit, der sich bei mir im März und April plötzlich auftat, war natürlich einer äußerst privilegierten Position geschuldet. Die Entschleunigungshoffnung weiterbezahlter kinderloser Professoren und ihres Publikums ist fast schon ein Klischee. Umgekehrt läuft die Sehnsucht nach der verlorenen Geselligkeit, die erst jetzt in ihrem Wert erkennbar wurde, wohl doch Gefahr, den Betrieb zu verklären.

Verschiedene Beiträge zur Reihe ‚Alltag anders‘ reflektieren oder illustrieren beide Probleme. Was bleibt und tatsächlich blieb (auch damit bin ich in der Reihe nicht allein), ist die Flucht in eine Natur, die man mit etwas Selbsttäuschung als weniger zugerichtet erleben kann. In meinem Fall hat allerdings schon die Form der Flucht desillusionierend gewirkt. Ich bin in erlaubt-vereinzelt-selbstoptimierender Weise joggen gegangen, weil die Professorenvilla, von der ich eine Ecke bewohne, so praktisch am Waldrand liegt. Als ich das heute, schon wieder vor dem gewohnt überladenen Alltag flüchtend, noch einmal wiederholt habe, wollte ich die Aktivität auch für meinen Beitrag nutzen. Eine Filmaufnahme vom Waldungs-Anstieg mit Gustav-Mahler-Unterlegung hatte ich schon vor dem Start als zu aufwändig verworfen, und mein Bewusstseinsstrom beim Laufen schien mir nach kurzem Hindenken nur sehr selektiv wiedergabefähig. Bemerkenswert war in jedem Fall die Einsamkeit der Strecke, die ich so nicht einmal in härtesten Viruszeiten erlebt habe. Auf dem Hinweg sind mir nur ein dicker Thüringer und ein noch dickerer Dachs begegnet, auf dem Rückweg dann einige Leute wie ich. Bezogen auf Isolation und Sozialität sowie Ausflugsfotos unserer Promovierenden an meinem Wendepunkt, dem Bismarckturm, hatte ich den eher schauerromantischen Gedanken, dass solche Ziele zukünftig von Hologrammen früherer Besucher bevölkert sein könnten, damit man sich berührungslos nahe bleibt. Die Problematik der Laufübung selbst wird vielleicht dadurch deutlich, dass der Blick auf die Uhr zuhause mich schließlich veranlasst hat, spontan neue Worte zu Schuberts erstem Lied aus der Winterreise zu finden:

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Soziologie untersucht man verwandte, wenn auch präzisere und subtilere Weisen der Selbstmessung und -darstellung als neoliberale Subjektivierung. Anschlussgedanken berühren aber auch die Themen, vielleicht sogar mögliche Dissertationsthemen des Graduiertenkollegs Modell Romantik: Wie begreifen wir die bewusst groben, anti-emotionalen, kitschfeindlichen Gelegenheitsdichtungen der deutschen Romantik? Weshalb spielt Heinrich Heine bei uns keine größere Rolle? Und was hat das Modell Romantik stärker geprägt: Die von Karl Kraus an Heine geübte Kritik oder seine Verteidigung durch Adorno?

Text-, Bild- und Musikmontage: Lara Hann
 

 


„Alltag anders“ bei Pascal Ongossi Assamba


Beruflich lerne ich Deutschland in besonderen politischen und sozialen Zeiten kennen. Wegen der Krise drückt sich die legendäre deutsche Disziplin akribisch aus. Die politischen Vorgaben verringern drastisch die sozialen Kontakte, ermöglichen aber zugleich die Fortführung der Arbeit, die vom Büro ins Appartement umgezogen ist. Hier kann ich sie stundenlang allein verrichten, tausche oft freundliche SMS mit Kollegen, meiner zweiten Familie. Um mir die Beine zu vertreten, stehe ich am Fenster. Da genieße ich kurzweilig das städtische Panorama, das mir vom Sommertag geboten wird…

 

Wieder am Schreibtisch wandern meine Gedanken in die Ferne. Nostalgisch fliehen sie zur Familie, dort in die ferne kamerunische Heimat hin, wo Theodor Seitz, Jesko von Puttkammer und viele andere Deutsche 1884 sich einen Platz unter den Tropen einräumten. Heute soll auch dort der sogenannte Sozialabstand gelten, obwohl die Sozialwärme bekanntlich stärker ist. Die Städte waren dort immer lärmig, die Dörfer aber ruhig. Meine Träumereien lassen mich an meine Jugendzeiten denken. Ich ging oft alten Menschen in Feldern helfen, ich spielte Fußball, Handball und Volleyball mit Jugendlichen meiner Generation. Ich engagierte mich schwärmerisch wie die meisten Jungen jener Generation gesellschaftlich. In der Klasse lernten wir die deutsche Sprache und mochten „Hänsel und Gretel“ der Brüder Grimm in Deutschkursen… Ich wusste damals nicht, dass genau diese romantischen Momente in Kamerun mich später zu ihrer Analyse führen würden. Eine naive, aber sehr schöne Epoche. Ich erinnere mich daran, als wäre es noch gestern.

Die Zeitkrise trifft in Ngoro, dem Dorf meiner Eltern, einen etwas pittoresken Dekor der sozialen Landschaft, die aus Flüssen, Wiesen, Bächen und Menschen besteht. Das ist belebend. Diese Natur, die schwärmerische Bevölkerung, die Familie, das einfache Leben, bedeuten für mich das schöne Leben. Und hier romantisiere ich schon das, was man dort verlieren könnte. Was hat diese Romantisierung mit der Kolonialzeit und mit der deutschen Romantik zu tun? Das Thema meiner Arbeit. Von Kolonisatoren haben die Landsleute dort die Bedeutung des Begriffs „Heimat“ erfahren. Sie wurden gleichzeitig zum Objekt der fantastischen Repräsentationen von Kolonisatoren.  Ach diese Krise! Wie das Meer treibt sie Gefühle zu, verursacht zugleich eine Reise ins Innere. Und nun produzieren meine Finger romantische Worte. Wirklich anders mein Alltag!