Alltag anders T. 7

Unter dem Titel „Alltag anders“ versammeln wir Selfies und Statements von Kollegmitgliedern, die sich mit den Fragen beschäftigen: Was machen Sie derzeit, was Sie sonst nicht tun? Hat sich Ihre Wahrnehmung durch die gegenwärtige Situation verändert? Worüber denken Sie plötzlich nach? Was wünschen Sie sich für morgen, in einem Monat, in einem Jahr?

 


„Alltag anders“ bei Jacob Schmidt


 

Al l t  a  g    a  n d e rs

 

An meinem ersten Arbeitstag bei Bündnis 90/Die Grünen im
Brandenburger Landtag wurde der erste Corona-Fall in Berlin bekannt.
Kurze Zeit später auch der erste in Brandenburg.
Nach zwei Wochen wurden fast alle ins Home Office geschickt. Ich nicht.
Ich hielt mit zwei anderen die Stellung. Die Flure leerten sich, die Straßen auch.
Die Welt wurde seltsam still, leise und kam zur Ruhe.
Doch ich bewegte mich mehr, dachte mehr, machte mit jedem Tag mehr.
Neues Feld, neue Stadt, neue Menschen, neue Themen. Alles neu.
Während mein Leben zuvor ein wenig zum Erliegen gekommen war,
blühte es gerade jetzt erneut auf.
Wir fuhren mit dem Sprinter über eine leere Autobahn,
aus einer Stadt in Quarantäne ins neue Leben.
Ein Freund half, nicht ganz legal wohl, beim Ausräumen,
eBay Kleinanzeigen eröffnete uns kurze und kleine Einblicke in isolierte Orte.
Zwischen Arbeit und Privatem fehlte aber eines:
das unbeschwerte Öffentliche, Zeiten und Orte dazwischen,
der Besuch im Café, das Treiben auf der Straße.
Ein Epochenereignis definiert sich vielleicht nicht darüber,
dass alle dasselbe erzählen, sondern eher darüber,
dass alle genau wissen, was sie zu dieser Zeit gemacht,
gedacht und gefühlt haben.
Für mich bleibt eine paradoxe Stimmung, die mich, wenn auch umgekehrt,
an die Erfahrung von Langeweile und Arbeitslosigkeit erinnert:
Während zuvor die Welt raste, stand die Meinige still;
während die Welt zur Ruhe kam, fing meine an zu rasen.
Gegenüber sollte eigentlich schon längst ein neues Haus stehen.
Bisher steht da aber nur ein Kran.
Und so genießen wir noch ein wenig
den Blick auf die Bäume.

 


„Alltag anders“ bei Ruth Barratt-Peacock


Der Alltag ist anders
Die Zunge liest nun
Und ich bin eine Kuh
Dran ist kein Virus schuld
Nur die Liebe
Mooooo

 


„Alltag anders“ bei Hendrick Heimböckel


Endlich nicht mehr pendeln. Endlich nicht mehr darüber nachdenken, was in den Rucksack soll und wann der Zug kommt. Bis zum Balkon ist’s nicht weit und auch ein Hügel mit Ausblick auf das frühlingshafte Jena befindet sich in nächster Nähe. Das ist toll!
Quarantäne, lockdown und social distancing verheißen einem jungen wissenschaftlichen Arbeiter in der deutschen Provinz, der nicht die staatliche Fürsorge für seine Kinder übernehmen, nicht um seine Stelle fürchten, keinesfalls Angst vor leeren Supermarktregalen haben muss und der sowohl in Lichtgeschwindigkeit Massen an Daten verschicken kann als auch über die antiquierten Mittel der Stimme, des Stifts und des Papiers verfügt: einen Fokus auf’s Wesentliche.
Selbstorganisiertes Lernen, der didaktische Traum für diejenigen, die es lernen durften und die Möglichkeit haben, ihn umzusetzen. Wäre da nicht die Umstellung auf einen neuen beruflichen Alltag. Doch was beschwere ich mich? Diese Situation wurde schon 2017 in dem öffentlich zugänglichen Strategiepapier der Kultusministerkonferenz zur digitalen Bildung als status quo markiert: „Nach ihrer schulischen oder beruflichen Ausbildung treffen junge Menschen auf ein digital geprägtes berufliches Umfeld, das einen permanenten Anpassungsdruck in Bezug auf das eigene Können und die erworbenen Kompetenzen erzeugt.“
Was hilft mir, einem Lehrenden an der Hochschule, und Menschen in sehr vielen anderen Berufen, unsere digitale Fitness angesichts des spontan hochschnellenden Anpassungsdrucks zu erhöhen? Lösungsorientierung! Pragmatismus! Flexibilität und Kreativität! Das sind in der gegenwärtigen Situation – und sicherlich auch in der darauffolgenden „Normalität“ – breitenwirksame Schlüsselkompetenzen.
Folglich wird das Studium an den Hochschulen in Räumen fortgesetzt, die die meisten ihrer Angestellten, abgesehen von einer digitalen Avantgarde und ihren Lehrlingen, in ihrer beruflichen Praxis bisher nur als die dünnen Seitenarme eines Mainstreams kennengelernt haben: in virtuellen Räumen. Welch Glück, dass in solchen Fällen auch die deutschen Bildungsinstitutionen ihre Argusaugen hinsichtlich Datenschutz, Bürokratie und Curricula zudrücken.
Ich weiß nicht, womit ich mehr Schwierigkeiten habe, mit der sogenannten „Normalität“ oder mit dem Ausnahmezustand. In jedem Fall drängt sich mir stärker als sonst das Empfinden auf, dass Vieles anstrengend, widersinnig und falsch ist: Es ist anstrengend, die Infrastrukturen der Universität zu Hause nachzubilden und dabei die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem neu auszutarieren. Es ist widersinnig, angehende Lehrer*innen für ihre schulpraktischen Erfahrungen einen simulierenden Ersatz anzubieten. Und es ist falsch, sich über die Einschränkung der Freiheit zu beschweren, die sie ermöglicht.
Doch staune ich, ja bin zugleich erschrocken und freue mich darüber, wie schnell sich neue Spielräume geöffnet und Routinen eingespielt haben. Wann wäre es anders gewesen? Oder umgekehrt gefragt:
Wie lange dauert „normal“?