Alltag anders T. 6

Unter dem Titel „Alltag anders“ versammeln wir Selfies und Statements von Kollegmitgliedern, die sich mit den Fragen beschäftigen: Was machen Sie derzeit, was Sie sonst nicht tun? Hat sich Ihre Wahrnehmung durch die gegenwärtige Situation verändert? Worüber denken Sie plötzlich nach? Was wünschen Sie sich für morgen, in einem Monat, in einem Jahr?

 


„Alltag anders“ beim Graduiertenkolleg


Journalistischer Workshop mit Uwe Ebbinghaus, Teil 1 (22.05.-23.05.2020)
Der journalistische Workshop mit Uwe Ebbinghaus (FAZ) stieß auch 
in der zweiten Kohorte des Graduiertenkollegs auf großes Interesse. 
Der ursprünglich geplante gemeinsame Ausflug auf die Rudelsburg 
musste in der aktuellen Lage einem Zoom-Meeting weichen. 
Dadurch verändert sich auch die Idee des Workshops grundlegend: 
Hatten die Teilnehmer*innen der ersten Kohorte 2017 noch die Aufgabe, 
einen eigenen Zugang zu einem gemeinsam besichtigten Ort 
(damals das Kyffhäuser-Denkmal) zu finden, dürfen sich die Kollegiat*innen 
diesmal eigene Schauplätze und Themen für ihre Beiträge suchen. 
Nach einer Vorstellungsrunde besprachen die Teilnehmer*innen 
am ersten Workshoptag verschiedene journalistische Beiträge mit dem Schwerpunkt 
‚Romantik‘ und loteten mögliche Themen und Textgattungen für ihre Artikel aus. 
Der zweite Workshoptag bestand aus einer Reihe von Einzelgesprächen mit Uwe Ebbinghaus. 
Die Teilnehmer*innen konnten ihm ihre Projektvorhaben skizzieren und 
mit ihm über die Umsetzung ins Gespräch kommen. 

Für die zweite Runde des Workshops am 27. und 28. Juni können 
sich die Teilnehmer*innen hoffentlich persönlich mit Uwe Ebbinghaus 
in Jena treffen. Dann sollen bereits die ersten Textentwürfe diskutiert 
und Tipps für die Überarbeitung besprochen werden. 
Virtuelle Meetings sind praktisch und derzeit dringend 
notwendig. Sie verlangen aber auch eine andere Art der Konzentration 
und veranlassen oftmals dazu, Redebeiträge knapp und effizient zu halten. 
Eine spontane und lebendige Diskussion kommt ohne 
zwischengeschaltete Geräte dann doch leichter zustande. 

                                                        - Patricia Kleßen

 


„Alltag anders“ bei Stefan Matuschek


 

Neue Normalität?

Mein Alltag ist in diesen Wochen so anders, dass ich hoffe, dass er trotz einiger idyllischer Begleiterscheinungen niemals mein Alltag wird. Über fast 25 Jahre hab ich mich an das Doppelleben in Jena und Münster gewöhnt. Jetzt bin ich wie ein Pendel, das man auf einer Seite festhält. Aus dem Takt also. Ich ticke nicht mehr richtig.

Die meiste Zeit verbringe ich jetzt seit Wochen mit zwei Maschinen: meinem Laptop und meinem Rudergerät. In den einen fließt mein gesamtes berufliches und ein großer Teil meines sozialen Lebens. In das andere der Großteil meiner Bewegungsenergie. Ich bin froh, dass es diese Maschine gibt und dass ich sie habe. Gingen sie jetzt kaputt, würde ich vollends verrückt. Doch verändern sie, je mehr Zeit ich mit ihnen verbringe, ihren Charakter. Sie zeigen ihre tristen Seiten. Wenn ich meine Vorlesung vor meinem Laptop halte, registriert er genauestens jedes meines Worte; doch als tote Technik, nicht als verstehendes Gegenüber. Und das Rudergerät, meine neue Leidenschaft seit einigen Jahren, wird zum Sinnbild des Stubenhockers, wenn ich nun jeden Tag darauf sitze. Ich bin ja immer, tatsächlich immer zu Hause.

In einem frühen Woody-Allen-Film gibt es die Fiktion, dass die Menschen ihre sexuellen Bedürfnisse auf Abstand, jeder für sich befriedigen. Anstatt zusammenzukommen, steigt jeder einzeln in eine Art Duschkabine, die ihm das sexuelle Erlebnis simuliert. Gäbe es Allens Kabinen, würden sie heute vielleicht nicht zur Pflicht, doch gewiss dringend empfohlen, um die Ansteckungsgefahr zu  mindern.

Ich höre jetzt mehr und mehr, dass man von einer neuen Normalität spricht, von der Normalität in Corona-Zeiten. Das erschreckt mich. Ich verstehe nicht, wie man ein menschliches Leben ohne reale Begegnungen, ohne ein auch physisch spürbares soziales Leben ‚normal‘ nennen kann. Es ist schlimm, nicht mehr richtig zu ticken. Noch schlimmer ist es, wenn man es nicht mehr merkt und für normal hält.

 


„Alltag anders“ bei Marc Emmerich


Corona hat meine Arbeit mehr irritiert als erwartet. Sicher: ein Rückzug in die Stille der eigenen Wohnung und Ruhe vor sozialen Verpflichtungen müssten doch gerade dabei helfen, längst überfällige Projekte endlich abzuschließen. Deshalb hatte ich, was meinen Alltag betrifft, trotz aller Ungewissheit doch einen Plan, den ich einfach abzuarbeiten hoffte. Das Gegenteil war der Fall. Anstatt Corona Corona sein zu lassen machte ich mir Sorgen. Und weil es lange Zeit bei Corona keine Fortschritte gab, trat ich nun auch innerlich auf der Stelle. Auf dem Höhepunkt meiner Schreibblockade habe ich eine Zitrone eingepflanzt.

Heute könnte ich dazu sicherlich eine Geschichte spinnen, nach der die lange Beschäftigung mit Romantiker*innen eben doch irgendwann dazu führt, sich wie Chateaubriand um seine Bäume wie um Kinder zu kümmern, Rousseaus Spaziergang in die Botanik zu folgen oder sich mit Borchardt Gartenphantasien hinzugeben. Das ist aber Quatsch. Mir ging es einfach nur darum, dem Gefühl des allgemeinen Stillstandes die Erfahrung von etwas entgegenzusetzen, das wächst und das mich durch die Erinnerung an Sorrento wenigstens ein bisschen aus der Enge meiner Wohnung befreit.

Weil ich nicht weiß, wie eine Pflanze wachsen muss, nehme ich jede kleinste Veränderung mit Staunen wahr. In der japanischen Kultur symbolisiert der Bonsai die harmonische Beziehung von Mensch, Natur und Kosmos. Sie sind Produkte eines bisweilen rabiaten, nicht immer einfachen, schließlich aber doch erfolgreichen Verhandelns zwischen den eigenen Ansprüchen an das Leben und dem, was die Natur dazugibt. Das zu sehen motiviert.

Von einem Bonsai sind meine Zitronen sicherlich noch weit entfernt. Aber das macht auch nichts. Sie sind schon jetzt ein Kontrapunkt zur Krise: Ich schreibe wieder!