Alltag anders T. 5

Unter dem Titel „Alltag anders“ versammeln wir Selfies und Statements von Kollegmitgliedern, die sich mit den Fragen beschäftigen: Was machen Sie derzeit, was Sie sonst nicht tun? Hat sich Ihre Wahrnehmung durch die gegenwärtige Situation verändert? Worüber denken Sie plötzlich nach? Was wünschen Sie sich für morgen, in einem Monat, in einem Jahr?

 


„Alltag anders“ bei Jannik Koppenhagen


Der Hinterhof unseres Wohnhauses war wirklich kein Hingucker: Der Rasen eher sumpfiges Terrain, die steinerne Terrasse eher Moosherberge, die ehemals weiße Plastik-Sitzgarnitur eher poröser Abfall. Und dann war da noch der riesige Brombeerbusch. Zwei Jahre haben wir damit gelebt, sind nur zur Visitation der Abfalltonnen in den Hinterhof marschiert oder um nach einem stressigen Tag das Fahrrad anzuleinen. Die letzten Wochen aber mussten wir das Elend tagtäglich ansehen, ständig ein Blick aus der Isolation, aus dem Fenster auf den urbanen Hinterhof-Urwald – das deprimiert. Die Brombeere musste als erstes dran glauben. Und wer hätte das gedacht: inmitten des Gestrüpps finden wir eine Rose und ein paar Lilien in einem vor Urzeiten angelegten Beet, das zuvor gar nicht sichtbar gewesen ist!

Der Weg mit Gesichtsmaske in den Baumarkt macht es möglich: An Stelle der Brombeere sind nun ein kleiner Kräutergarten auf der rechten, ein paar Zierblumen auf der linken Seite, eine Rose und eine Waldrebe an der steinernen Wand der Nachbarn. Dazu ein paar neue Gebrauchtstühle, eine Tischdecke, eine Hängematte, ein Sonnensegel und Lampions – es ist zwar nicht der Barockgarten der Dornburger Schlösser, aber doch ein bisschen Hinterhof-Romantik, wo ehemals nur Alltag stattfand.
Danke, seltsame Welt!

 


„Alltag anders“ bei Hartmut Rosa


erschienen in: TAZ am Wochenende, 25./26. April 2020, S. 31

 


„Alltag anders“ bei Lara Hann


„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.“

– Goethe (wer sonst)

In die weite Welt, weg vom Ist-Zustand,
das scheint in der momentanen Lage sehr
verlockend. Sonst scheinen die Möglichkeiten,
nahezu unbegrenzt zu sein: Mit dem VW-Bus
nach Portugal fahren, einen Roadtrip nach Rumänien
machen oder doch lieber mit einem Pferd durch Chile reiten?
Meine Realität sieht jetzt gerade anders aus:
eine Einzimmerwohnung in Weimar …

Alle Sommerpläne scheinen irrwitzig zu sein
und die Wände kommen immer näher.
Heute, am 20.05., wollte ich eine
50 km-Nachtwanderung auf den Rigi machen,
die abgesagt wurde, weil dort 2000 Menschen mitwandern.
Aber wieso nicht aus der Not eine Tugend machen?
Vor ein paar Wochen bin ich mit meinem Freund
den Goethewanderweg gelaufen (27 km)
und spontan sind wir dann weiter nach Rudolstadt (36 km).
Jetzt ist aus dem Rigimarsch der Gipfelwanderweg beim Rennsteig geworden.
Ich habe lange nicht mehr so die Natur genossen.
Tatsächlich bin ich das erste Mal, seit ich in Thüringen wohne,
im Thüringer Wald. Vielleicht sind die ganzen Optionen,
die man sonst hat auch ein Fluch … . Der Fluch nicht zu sehen, was man schon hat.