Alltag anders T. 4

Unter dem Titel „Alltag anders“ versammeln wir Selfies und Statements von Kollegmitgliedern, die sich mit den Fragen beschäftigen: Was machen Sie derzeit, was Sie sonst nicht tun? Hat sich Ihre Wahrnehmung durch die gegenwärtige Situation verändert? Worüber denken Sie plötzlich nach? Was wünschen Sie sich für morgen, in einem Monat, in einem Jahr?

 


„Alltag anders“ bei Caroline Will


Anfang des Jahres wollte ich einen Eremiten-Urlaub buchen. Eine Almhütte mit Aussicht. Eine einsame Bucht in Italien. Nur ich, die trockene Sommerhitze, die grillenbezirpte Ewigkeit des Nachmittags. Viel Nachdenken. Das, was man Zu-Ruhe-Kommen nennt, suchen.  Das Komplizierte, was man Menschen nennt, beiseitestellen. Beziehungen sedimentieren lassen.

Dann wurde das Alleinsein über alle ausgeschüttet.

Ich bin allein. Wenn ich in Socken durch meine Wohnung streife, traue ich mich, Dinge nur halb zu machen, habe Zeit, Dinge ganz zu machen.

Ich bastle hippen Dalgona Coffee, bereite mir Nutella-Tassenkuchen, koche täglich (Selbstfürsorge!), esse. Aus einer Lust heraus, mich unters Volk zu mischen zu stürzen, poste ich meine Amuse-Gueules auf Instagram. Ich nähe Masken von Hand, mein ganzer Stolz, wische endlich die Böden und die Bücherregale, probiere eine Petersburger Wandhängung und freue mich und meine Freude gehört nur mir.

Ein Hallraum des Denkens bildet sich. Ich komme zu mir, bei mir an, all das, wofür nur die Selbstfindungsindustrie Ausdrücke zu haben scheint. Zum redlichen Forschen und zum Schreiben muss ich mir selbst zuhören. In der Einsamkeit spannt sich etwas auf.

Und ich denke auf dem Boden. Ich habe Platz auf meinem roten Teppich. Verteile meine Notizen. Ich bin in Socken. Staub flimmert in der Sonne. Es ist ruhig. In meiner Erinnerung fordert ein Gräzistik-Professor zur Überbrückung von Wartezeit auf Exkursion: „Beschäftigen Sie sich mit Ihrem reichen Innenleben.“

 


„Alltag anders“ bei Christoph Reinfandt


Liebe Mitglieder des Kollegs ‚Modell Romantik‘,

während ich hier so an meinen Online-Seminaren und Vorlesungen herumbastele denke ich immer wieder an die unbeschwerte Zeit in Jena vor einem Jahr zurück – wer hätte gedacht, dass sich die Dinge so entwickeln könnten. Trotz allem ist man ja in einer privilegierten Position: die Familie und auch alle Bekannten so weit gesund, der Lohn fortgezahlt, und die von der Uni Tübingen ruckzuck bereitgestellte digitale Infrastruktur funktioniert bemerkenswert störungsfrei. Mustn’t grumble, wie man so sagt, aber es bleibt doch einiges auf der Strecke. Im Bereich des ‚Modells Romantik‘ z.B. ein von mir von langer Hand für dieses Sommersemester vorbereitete Seminar mit dem Titel ‚William Blake, Then & Now‘, das in Kooperation mit dem seine gesamte Karriere hindurch von William Blake inspirierten Tübinger Künstler Dieter Löchle geplant war und jetzt ohne die geplanten Atelierbesuche online stattfindet, was nicht wirklich dasselbe ist. Auch der für Juli geplante Besuch von Sybille Erle aus Lincoln, Mitherausgeberin der monumentalen Bestandsaufnahme The Reception of William Blake in Europe (2019) wird entfallen, und die von ihr und Jason Whittaker für September in Lincoln geplante Tagung Global Blake: Afterlives in Art, Music and  Literature ist um ein Jahr verschoben (in diesem Kontext arbeite ich an einem Beitrag mit dem Titel ‚Musical Settings of William Blake: Implications of Genre‘, der von Klassik über Folk bis Death Metal und Ambient alles abdecken soll, was die reiche musikalische Rezeption von Blake so hergibt). Wie sich hier andeutet, hat mich das ‚Modell Romantik‘ auch nach dem Ende der Mercator-Fellowship nicht losgelassen, und ich danke nochmals ganz herzlich für die vielen Anregungen, die ich letztes Jahr gewonnen habe. Und einen Krisengewinnler gibt es dann doch: das Buchmanuskript zum Singer-Songwriter-Paradigma hat im Lockdown endlich substantielle Fortschritte gemacht. In diesem Sinne grüße ich das Kolleg ganz herzlich und drücke die Daumen, dass in Jena trotz allem alles gut läuft. Ich würde mich freuen, von dem einen oder anderen gelegentlich zu hören.

Christoph Reinfandt

 


„Alltag anders“ bei Luisa Turczynski


Alltagsstruktur, Schreibroutine, Gemeinschaftlichkeit und Austausch 
– inwieweit lässt sich all das online anregen?

Ein Auszug aus dem Experiment „Virtuelles Schreib- 
und Austauschforum“ auf Moodle


Wie kann politischer Protest in Zeiten 
der ausgesetzten Versammlungsfreiheit aussehen?

#LeaveNoOneBehind
#StayAtHomeOnlineDemo
#seebruecke