Alltag anders T. 3

Unter dem Titel „Alltag anders“ versammeln wir Selfies und Statements von Kollegmitgliedern, die sich mit den Fragen beschäftigen: Was machen Sie derzeit, was Sie sonst nicht tun? Hat sich Ihre Wahrnehmung durch die gegenwärtige Situation verändert? Worüber denken Sie plötzlich nach? Was wünschen Sie sich für morgen, in einem Monat, in einem Jahr?

 


Video: „Alltag anders“ bei Christiane Wiesenfeldt


 


„Alltag anders“ bei Annemarie Müller


Mit einem langen Zettel an Signaturen betrete ich im März die ThULB. Zu meinem Glück nicht allein, denn spontan begleitet mich Felix. Nur gemeinsam können wir den mannshohen Bücherstapel fortschaffen. Das ist gelebte Solidarität unter Kollegiat*Innen!

Nun befinden sich vier kleinere Bücherstapel auf dem Boden neben meinem Schreibtisch. Unter ihnen ist wochenlang nicht staubgesaugt worden. Thematisch sortiert nach: ‚Geselligkeit allgemein‘, ‚Schleiermachers „Versuch einer Theorie des geselligen Betragens“ (1799)‘, ‚Berliner Salongeselligkeit um 1800‘ und ‚Formen bürgerlicher Geselligkeit im späten 18. und 19. Jahrhundert‘. Wie schön übersichtlich wären diese Titel jetzt in meinem leeren Büroregal!? Zeit für Sehnsucht.



Nun sitze ich also wochenlang in meiner Wohnung und beschäftige mich mit Geselligkeit. Mal auf meinem schrecklich unbequemen Schreibtischstuhl (die nächste Anschaffung ist ein Gymnastikball!), mal auf einem Gartenstuhl auf dem Balkon. Auch meine Nachbarn verbringen wie ich fast jeden Nachmittag und Abend, wenn die Sonne herumgekommen ist, draußen. Sie wünschen mir frohes Schaffen und gutes Gelingen beim Arbeiten. Das haben sie sonst nicht gemacht, denn sonst sitze ich beim Arbeiten im Büro. Es fehlt mir. Es sind aber auch die gemeinsamen Pausen im Kolleg, die Tür-und-Angel-Gespräche, die Treffen in der Teeküche, die erst einmal wegfallen. Bis ‚Normalität‘ wiederhergestellt ist, kann man sich aber immerhin gedanklich der Geselligkeit widmen. Schlaraffia sei Dank!

 


„Alltag anders“ bei Sandra Kerschbaumer


Was ich plötzlich mache:

… kleine Schritte des Frühlings beobachten, eine Kaffeepause mit meinen Kindern um 10 Uhr vormittags, als Pflegerin einspringen und dafür auf ganz leeren Autobahnen durch Deutschland fahren, als Lehrerin einspringen sowieso, sehr viel Laufen und Lesen.

Ich denke oft darüber nach:

…, dass es einzelne Menschen sind, die eine Krise bewältigen und es auch von ihrer Einsatzbereitschaft, Zuversicht und Kreativität abhängt, wie es weitergeht, nicht nur von gesellschaftlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen. Ich frage mich oft, ob ich genug dazu beitrage, die sozialen Schäden so gering wie möglich zu halten.

… wie stark die plötzliche Lebensvereinfachung wirkt, die Konzentration auf Wesentliches – und wie gefährlich die Versuchung ist, daran zu glauben, dass man Komplexität auf Dauer so leicht reduzieren kann. Der Rückzug ist entlastend, weicht aber unvermeidlich dem Durcheinander der Debatten um die richtigen Öffnungsschritte, der Stimmenvielfalt mit der fünf Personen in verschiedenen Ecken des Hauses Zoom-Konferenzen abhalten und gleichzeitig über Rilke, die konsonantische Deklination und Integralrechnung sprechen.

Was ich mir wünsche:

…, dass neben den dringend notwendigen politischen Auseinandersetzungen und dem Ringen um das Durchsetzen berechtigter Ansprüche verschiedener gesellschaftlicher Gruppen der Blick auf das einzelne und individuell Gute nicht verloren geht. Denn den Blick auf das, was im Zusammenleben schön ist und stärkt, brauchen viele als Ermutigung, alte und besonders junge Menschen – eine Kaffeepause um 10.